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SKULPTUR
IM KOPF
Stephan Schmidt-Wulffen
Der Raum ist wie ein Gefängnis. Wie schwer es fällt, die Koordination
von oben und unten, hinten und vorne zu verlassen und sich einzufinden
in die Dimensionen des Vorstellungsraumes. Die Zeit ist hier nur ein Fossil,
schreibt Bachelard in seiner „Poetik des Raumes". Die Zeitdauer
als vierte Dimension des Anschauungsraumes ist in der Phantasie nur noch
spürbar als Summe realer Räume, deren Deklination ein Knäuel
von Bezügen schafft, in dem sich alle begriffliche Orientierung verliert.
Für den Mathematiker ist es ein topologisches Problem, wenn derart
ähnliche, aber nicht gleiche Räume miteinander verglichen werden.
Der Künstler Klaus Kumrow ist ein Topologe, der an der Nahtstelle
zwischen Vorstellungs- und Anschauungsraum experimentiert. Seine Skulpturen
verdeutlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten, wenn er den vorgestellten
Raum wieder in die Dreidimensionalität des realen Raumes übersetzt.
Aber seine Gebilde sind provisorisch. Das Experiment gelingt nur,
wenn auch der Betrachter wieder die Skulptur in ein Gedankengebäude
verwandelt.
Der „Dreisatz" dieser Übersetzung ist nicht nur für
Kumrows Formen verantwortlich. Er definiert auch das erweiterte Arbeitsfeld
des Künstlers, in dem das Objekt lediglich eines der Gestaltungsmomente
ist. „Skulptur" erfährt eine Neudefinition, schließt
bei Kumrow die Vorstellungsräume von Produzent und Rezipient ein.
Die Dramaturgie der Inszenierung folgt, obwohl als Gegenstand gebaut,
den Regeln der Phantasie. Sie orientiert sich nicht logisch, sondern läßt
den Ort der Sinndefinition vagabundieren: Aus einem Zaun wird ein Muster
in Korrespondenz zu einem abstrakten Liniengeflecht. Die Raute liest
sich, nur weil die Geometrie der Komposition es suggeriert, plötzlich
als Vogelschnabel. Aus der Fläche wird ein öffentlicher Platz,
den die Farbe wieder zum Malgrund verwandelt.
Die Aussage des Werkes ist nie definitiv. Weil der Vorstellungsraum auf
den Raum der Anschauung abgebildet ist, lösen sich nicht nur die
Raumkoordination auf, auch die Regeln der Bedeutung werden zersetzt. Kumrows
Topologie schafft ein Sinnvakuum, in dem wie im Zeitraffer das Entstehen
von Bedeutung erfahrbar wird.
RÄUME OHNE INNENSEITE
Bernd Growe
Die von Klaus Kumrow für den Jenischpark in Hamburg geschaffene Skulptur
geht auf eine kleine Arbeit aus Papier zurück, die ursprünglich
nicht im Hinblick auf das Jenischpark-Projekt entstanden ist. Kumrows
erste Entwurfsarbeit aus Clas, Holz und Stoff (1985) erwies sich
für die Umsetzung in eine große Freiplastik als nicht realisierbar.
Aus einem abgesockelten Fundament mit rampenartiger Umgrenzung sollte
sich auf einem abgeschrägten, nach oben verbreiternden Würfel
ein verdachter Glaskasten erheben, während an dessen Basis seitlich
vier Träger von den Schmalseiten der Kastenform her weit in
den Raum ausgreifen und im Innern mehrere gegeneinander versetzte geometrische
Formen sichtbar wurden. Das so entstandene, blaubemalte Gebilde erinnerte
in Dimension und Form gleichermaßen an ein Schrankenwärterhäuschen
und an eine Sänfte. Diese Offenheit der Bezüge, die Unentschiedenheit
zwischen technischem Nutzbau und benutzbarer Würdeform oder,
um es in Kumrows eigenen Kategorien zu sagen, zwischen dem Kognitiven
und dem Ästhetisch-Expressiven, muss einerseits als bewusste Auseinandersetzung
mit dem geplanten Ort der Aufstellung, dem Jenischpark, angesehen
werden, darüber hinaus aber ist sie andererseits für Kumrows
Arbeiten der letzten Jahre insgesamt kennzeichnend.
Der Rückgriff auf eine olivbraune Papierarbeit (1986) war dann durch
äußere Vorgaben bedingt. Die Arbeit, die aus einem einzigen,
50x70 cm großen dünnen Pappbogen so herausgeschnitten
ist, dass ihre sämtlichen eigenständig erscheinenden Teile
zusammenhängen, ist für die Aufstellung im Jenischpark nicht
nur im Material verändert (Holz/Stahl), auch die Farbe hat sich in
einen kalten Grauton gewandelt. Vor allem aber ist die die Skulptur
bestimmende große wandartige Form, die in Knicken eine langgezogene,
zunächst sich steigernde, dann abfallende und sich schließende
Kurve beschreibt, jetzt an den Knickstellen segmentiert. Aus der
vereinheitlichenden, die Ausläufer der Skulptur zusammenfassenden
Wand ist eine Art Paravent geworden, der Beweglichkeit, Versetzbarkeit
suggeriert und damit das im Park längs eines Weges plazierte Werk
in ein pointiertes Verhältnis zur umgebenden Natur versetzt. Die
Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild und an der Struktur,
die Kumrow an der als Vorbild dienenden Papierarbeit vorgenommen hat,
verdeutlichen allerdings auch, dass die kleineren Werke, deren Dimensionen
auf Körpergröße bezogen bleiben, nicht von vornherein
als Modelle für erst noch zu realisierende Großplastiken
zu verstehen sind. Sie sprechen für sich selbst.
Wenn die Arbeiten Kumrows in der kritischen Diskussion dennoch immer wieder
als Modelle charakterisiert wurden, so liegt das nicht zuletzt daran,
dass ihr innerer Maßstab — nicht unbedingt die äußere
Größe — den Eindruck einer Verkleinerung hervorruft.
In der älteren Kunsttheorie, etwa bei Freart de Chambray, wurde,
wie schon zuvor in der Philosophie (Augustinus), die Verkleinerung
als die angemessene Form der imaginären Vorstellungskraft gewertet.
Das Imaginäre, seien es religiöse Visionen oder entsprechende
malerische Vergegenwärtigungen, ist vermöge der Verkleinerung
aus jedem Realitätszusammenhang gestellt, es besitzt nicht mehr
den gleichen Maßstab wie die Dinge und die Verhältnisse unserer
Alltagserfahrung. Diese Abweichung vom Realitätsmaßstab fördert
und intensiviert <Bildlichkeit>. Dabei ist die äußere
Diskrepanz zur Umwelt noch gesteigert durch die innere Disparatheit der
Werke, ihre räumlichen Spannungen etwa, die sich nicht auf einen
einheitlichen Grundmaßstab bringen lassen. Beide zielen auf
einen Bruch mit dem Raum und veranlassen, damit einhergehend, eine erhöhte
Betrachteraktivität. Auch insofern stellt der Eindruck einer Verkleinerung
ein wirksames Stimulans der Vorstellungskraft dar. Dabei tritt die Frage
nach jeder gegenständlichen Identifizierung der Werke vollends zurück
hinter der Einsicht in das kalkuliert Artifizielle ihres Gemachtseins.
Die Frage nach dem Maßstab ist im 20. Jahrhundert weitgehend
verlorengegangen, und zwar im unmittelbar künstlerischen wie im übertragenen
Sinn. Nur selten ist jene in der älteren Kunsttheorie leidenschaftlich
diskutierte Frage nach der den Werken gemäßen Dimensionierung
und deren Konsequenzen für die Betrachtererfahrung aufgegriffen
worden. Für Kumrow wird, so will mir scheinen, die Frage nach dem
Maßstab wieder zu einer künstlerisch produktiven Frage. In
einer Welt der Prototypen, der sich weite Teile der Gegenwartsskulptur
verschrieben haben, meidet Kumrow sowohl das modisch Archaische ebenso
wie das aktuelle, nichtsdestoweniger falsche Pathos. Was an seinen
Werken modellhaft erscheinen mag, resultiert gerade nicht aus dem
unmittelbaren Zugriff auf die Fiktionsleistung von Modellen, sondern
aus der künstlerischen Reflexion auf die Bedingungen, unter denen
jene erscheinen.
Ein Blick auf die Zeichnungen Kumrows mag diesen Tatbestand von anderer
Seite her beleuchten. Denn auch die Zeichnungen stehen in keinem
unmittelbaren arbeitstechnischen Zusammenhang zu den Skulpturen,
etwa als deren Entwurf oder gar Bauanleitung. Sie stellen einen selbständigen
Arbeitsbereich, eine eigene Ausdrucksform dar, wenngleich zwischen ihnen
und den Skulpturen eine Art intuitiver Kontinuität gewahrt bleibt.
Die skulpturale Präsenz aber ist nirgends eine bloße Übersetzung
der Zeichnungen ins Dreidimensionale, wie umgekehrt, die Zeichnungen
ihr Vorhandensein nicht durch Hinweise auf die Wünschbarkeit oder
gar Notwendigkeit einer solchen Transformation begründen. Im Gegenteil!
Sie stehen für sich selbst, betonen darüber hinaus, in ihrer
Struktur wie in ihrer Realisierung, allein das Evokative, ja das
Infragestellen von Realisierbarkeit.
So ist ihre Formensprache summierend, sie entwerfen Bilder eines
ebenso chaotischen, beinahe destruktiven, aber zugleich unauflöslichen
Ineinanders, das Raumentwurf und Flächenornament gleichermaßen
ist. Ihnen eignet somit der Ausdruck einer künstlerischen Strategie
der Komprimierung gegensätzlicher Aspekte, wie er auch in den Skulpturen
zu erkennen ist. Im Anschauungsprozess aber entfalten sich nach und nach
die zu unvorhergesehener Kompaktheit ineinandergeblendeten Ansichten,
ohne dass ihre Dank der Aquarelltechnik beinahe sphärische, schwerelose
Räumlichkeit sich zu festumrissenen Körperbildern sammelte.
Denn was unter den Bedingungen der Fläche als ein untrennbares
Ganzes gesehen werden musste, das erscheint unter räumlichen Bedingungen
als durchaus disparat.
Diese Skulpturen sind schon deswegen schwer zu charakterisieren, weil
sie stets eine Vielzahl vornehmlich gegensätzlicher Anschauungsperspektiven
eröffnen. Was von der einen Seite wie ein weit geöffneter Keil
aussehen mag, zeigt sich von der anderen Seite als verhängte,
durch einen querstehenden, gondelartigen Körper verbarrikadierte
Wand und eröffnet von einer dritten Seite her, der Aufsicht, weitere
unerwartete Einblicke. Die verwandten Materialien wie die einzelnen
Elemente sind denkbar einfach und reduziert: Aus Hölzern und Papier,
aus Platten, Stangen, Rundhölzern und Blöcken, dem simplen
Alphabet der Körper, entstehen Gebilde, deren Ineinander und
deren Zwischenräume alles andere als überschaubar und einfach
sind, die die verwickeltsten Verschachtelungen, Labyrinthe und Sackgassen
ausformen. Es scheint nachgerade die Logik dieses Ineinander, das
Kalkül seiner Ordnung zu sein, das die Werke zu regelrechten Fallen
werden lässt. Aus einem bewusst geordneten Beieinander entspringt,
simultan gesehen, eine Deplazierung. Denn so intakt die Vokabeln dieser
Körpersprache auch sein mögen, die Grammatik, nach der
ihr Zusammenhang sich organisiert, ist freilich außer Kurs gesetzt
und heillos zersplittert.
Jede Ansicht straft die anderen Lügen, wobei sie die vorhergehenden
aber auch bereichert, wie nicht zuletzt im Jenischpark zu sehen ist: der
Betrachter sieht sich immer wieder neu in ganz andere Gegenden geschickt,
die alle von den vorherigen Anschauungserfahrungen gespeisten Mutmaßungen
über den Bau und den Sinn des Gebildes in Frage stellen. Der Despotie
geregelter und daher erwartbarer (Sinn-)Zusammenhänge ist
eine Freiheit der Unterbrechungen entgegengesetzt. Das Gesetz des Widerrufs
und der Überraschung bestimmt die Anschauungserfahrungen, gleichgültig,
ob es sich um zeichnerische oder skulpturale Werke handelt.
Kennzeichnend für Kumrows künstlerisches Konzept ist demnach
eine Struktur der Komprimierung, der Bündelung von Raum. Der
Raum wird durch Körper, die sich aus zahlreichen, teils heterogenen,
teils ineinandergreifenden skulpturalen Versatzstücken aufbauen,
in klaustrophobischen Gebilden <dicht> gemacht. Die Fülle und
Verschiedenheit der Raumartikulationen scheint die Gestaltprägnanz
der Werke zu absorbieren. Ihre Komposition folgt einer Bewegung der
Öffnung und des Verschließens in-eins; die Ent-Faltung und
Ver-Dichtung der Raumpotentiale fällt in den außerordentlich
kompakten Gebilden zuletzt zusammen. Diesen Prozessen entspringt eine
große, sich sprunghaft entwickelnde plastische Lebendigkeit.
Zudem eignet Kumrows künstlerischer Strategie einer immanenten
Miniaturisierung gegenüber dem <Normalmaß> der Ausdruck
des Abständigen. Kumrow nennt seine Skulpturen daher auch lieber
<Situationen> oder genauer, um das spannungsvolle Verhältnis
zu ihrem Umfeld zu betonen, <ergänzungsbedürftige Situationen>.
Das Maß der Kunst wird dominierend und stellt sich der Realität
gegenüber.
Damit bestätigt Kumrows Entwicklung der letzten Jahre, dass
sein Werk die lange Geschichte der Urbanitätsmetaphern um eine neue
Facette bereichert hat, wie sie für die Entwicklung der Moderne von
Beginn an von großer Bedeutung gewesen sind. Nicht zuletzt in der
Plastik lassen sich dafür zahlreiche Beispiele nennen: Von Tatlin
bis hin zur Arte povera reicht die Reihe derer, die die Verwandtschaft
des Urbanen mit dem Rätselhaften thematisiert haben. Freilich, auch
Piranesis «Carceri» wären als frühe Formulierungen
einer Verschwisterung von Konstruktion und klaustrophobischen Ängsten
zu nennen. Imaginäre Gefängnisse auch hier, imaginäre
Gefängnisse aber, die, weil sie der Realität abgewonnen
sind, auch den <sensus>, d. h. den Richtungssinn, von Utopien besitzen.
Die proteischen Gebilde Kumrows vergegenwärtigen die Macht eines
Ortes, sei es — in den Zeichnungen — auf der Fläche,
sei es — in den Skulpturen — im Raum. «Die Matrix
des Urbanen ist nicht mehr die der Realisierung einer Kraft (Arbeitskraft),
sondern die der Realisierung einer Differenz (der Operation des Zeichens).»
Kumrows <Situationen> stellen eine künstlerisch reflektierte
Auseinandersetzung mit Problemen dar, die dieser Befund Baudrillards anspricht.
Sie sind zugleich dessen Ausdruck und Überwindung, Räume
ohne Innenseite, und beanspruchen damit ihre Betrachter bis an die
Grenze ihrer räumlichen Vorstellungskraft, wie eine Kleinsche Flasche,
deren unversehrte Selbstdurchdringung ihnen analog ist. Noch in der Rigorosität
der Durchdringungen bekunden sie Insurrektion, den Einbruch eines anderen
Raumes in das urbane Ghetto der Konsumenten.
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